Quo vadis Kunstsonntag!?
Das Allerbeste, wenn man nicht am Teltower Kunstsonntag teilnimmt, ist: man kann mal ehrlich seine Meinung sagen!
Hier mein persönliches Highlight der heutigen Veranstaltung:
Ich bitte um Nachsicht, dass ich mir den Namen der Künstlerin nicht gemerkt habe. Titel hatte es keinen.
Sehr schön fand ich auch die entspannte Atmosphäre, die der überwiegende Baustellencharakter erzeugte. Absperrgitter, blaue Bauplanen statt Türen und als Raumteiler und blätternder Putz gaben das richtige Hausbesetzer-Ambiente a la Tacheles. Noch zu verlegende Stromkabel, die von offenen Decken herunterbaumelten, frisch verspachtelte Gipskartonwände, Sägemehl auf den Fensterbrettern, knorriger Estrich und eine Palettenbühne für die Eröffnungsreden rundeten das Bild nonchalant ab. Fast schon störend in diesem Bild: die modernen, hellen und einladenden Räume des Oldtimerhauses “classics & friends”.
Ein angenehm unaufdringlich gelegener Fahrstuhl sorgte dafür, dass die über fünf Etagen und Treppen verteilte Ausstellung im Hauptgebäude des Biomalz-Komplexes zur körperlichen Ertüchtigung selbst Behinderter beitrug und auch unter computerbedingter Bewegungsarmut leidende Kinder ihren Kreislauf mal so in Schwung brachten, dass sie recht kurzatmig oben ankamen. Im Nachbargebäude fand sich überhaupt kein Fahrstuhl.
Traditionell sorgte auch wieder der parallel zum 4. Kunstsonntag in Teltow stattfindende Halbmarathon für kommunikationsfördernde Orientierungsschwierigkeiten der angereisten Künstler und Besucher, da der Organisator Herr Dieter Leßnau, in der ihm eigenen Beharrlichkeit, einem terminlichen Ausweichen eine klare Absage erteilt hatte. So kam also der Berg zum Propheten bzw. Teltow zu Kohlhaas. Traditionell lebhaft auch wieder die Atmosphäre vor und nach der Ausstellung. Dank der mit Stolz von Herrn Leßnau betriebenen Idee, alles an einem Tag stattfinden zu lassen, freuten sich die Künstler wieder, in rumoriger Messehektik ihre Bilder anbringen zu dürfen, danach bei einem gemeinsamen Imbiss durch Ansprachen am Kennenlernen und Gedankenaustausch gehindert zu werden und dann endlich, nachdem sie ab 11 Uhr noch einige Eröffnungsreden hinter sich gebracht hatten, gleichzeitig noch knapp fünf Stunden für Interessenten da sein und die gut einhundert Mitaussteller kennenlernen zu können. Dieses ist ja die erklärte Absicht der Veranstaltung.
Mein Fazit des Teltower Kunstsonntags 2011: So wird Teltow berübt! … Nein, entrübt! Denn das möchte Herr Leßnau ja gerne. Das einzige Sinnbild, durch das Teltow bis über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist, die seiner Meinung nach wohl zu provinzmiefige Rübe, aus dem gedanklichen Stadtwappen entfernen. Und durch was ersetzen? Den Teltower Kunstsonntag!?
Eine rundum gelungene Veranstaltung, für die ich mich nächstes Jahr bestimmt auch wieder bewerben werde! Falls man mich jetzt noch lässt.
Das obige Bild hat mich denn auch sofort inspiriert. Sozusagen eine Synthese dieses Bildes mit Wassily Kandinsky scheint mir dabei gelungen zu sein. Meins hat sogar einen Titel: “Ist das Kunst oder kann das weg?” ;o) … Naja nein, das ist zu abgedroschen seit es schon Notizblöcke mit dem Spruch bei Boesner gibt. Ich nehme mal den Arbeitstitel. Der ist “Kuddelmuddel”.
Damit mir niemand nachsagt, ich hätte das Bild ganz oben nicht mit Bedacht hervorgehoben, möchte ich doch noch etwas ernst gemeintes dazu sagen. Es stand immerhin mittig an der Stirnseite des Kesselhauses, wo die Eröffnungsreden gehalten wurden. Also an exponierter Stelle. Da es keine allgemeingültige Definition von Kunst gibt, werde ich mich hüten zu sagen, das Bild wäre keine. Aber ich müsste lügen, wenn ich es als gute oder mittelmäßige Kunst bezeichnen wollte. Aktuelle Kunst ist mir vertraut. Es gibt bewundernswürdige Graffitis. Mit Jonathan Meese kann ich etwas anfangen. Seine Arbeiten sind Provokationen zu einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Kunstbetrieb, der Rolle der Kunst und der Kunst an sich. Eine noch radikalere Renaissance von Duchamps Urinal. New Dada! Und das ist das einzige, was ich auch diesem Bild attestieren würde, obwohl ich die Absicht nicht dahinter vermute. Es wirft für mich zum tausendundersten mal die Frage auf, was ist Kunst.
Zum ästhetischen Gesichtspunkt sage ich lieber nichts. Auch sonst gibt mir dieses Bild überhaupt nichts! Einen ernsthaften Gestaltungswillen kann ich nicht erkennen. Es erzählt mir keine Geschichte. Es bringt weder Gefühle in mir zum Schwingen, noch regt es irgendwelche Assoziationen in mir an. Allenfalls zu einem Telefonscribble, das normalerweise aber auch mehr Charme hat. Es reizt mich zu keiner weiteren Überlegung, nicht politisch, nicht sozial, nicht ethisch, und auch nicht philosophisch. Es hat keine Sinnlichkeit, keinen Charme, keine Harmonie, nein, auch keine Spannung. Keine Spannung durch Formen und keine durch Farben. Kompositorisch ist es nicht unerträglich, aber auch nicht interessant. Es verführt mich zu längerem Hinsehen nur weil ich es herausragend schlecht finde. Wer bei dem Bild die Komplementärfarbigkeit lobt, was nicht ganz richtig ist, da die drei Farben in beinah exakt gleichen Abständen auf dem Farbkreis verteilt liegen, würde wahrscheinlich andernfalls die Farbharmonien loben. Das Gelb, das Grün, das Rot, sie tendieren alle zu Blau, sind alles kalte Farben, die zusammen mit dem Schwarz und dem “Duktus” eine aggressive Grundstimmung vermitteln. Ein pubertäres “Leckt mich doch!” Vielleicht muss man es unter dem immer wieder gerne missverstandenen Beuysschen Postulat sehen, jeder Mensch sei ein Künstler. Konsequenterweise ziert ja solche Kunst auch S-Bahnzüge, Wartehäuschen, Unterführungen und Hausfassaden. Aber dann ist es ein so weit verbreiteter Vorgang wie Schlafen, Beischlafen, Essen, Trinken und Ausscheiden. Dann brauchen wir keine Ausstellungen dafür. Wenn öffentliche Toiletten abgeschafft werden, sollten wir dann auch öffentliche Kunstausstellungen abschaffen. Auch wenn es manche nicht gerne hören, ist kunst etymologisch immer noch ein Substantivabstraktum zum Verbum können.
Konkret in dieser Ausstellung Teltower Kunstsonntag ist dieses Bild für mich ein Alibibild. “Wir sind auch modern!”
Insgesamt gäbe es natürlich auch einiges Positives über den Kunstsonntag 2011 zu sagen. … So wie es auch einiges über die Art und Weise zu sagen gäbe, wie Herr Leßnau die Standortentscheidung gegen den Willen der Stadt und den, der von ihm selbst gegründeten Initiativgruppe, durchgesetzt hat. Aus diesem Grund bin ich aus der Initiative ausgetreten. Über beides ziehe ich es vor zu schweigen.



